eine hochzeit platzt selten allein soundtrack

29. November, Hamburg

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Eine Hochzeit platzt selten allein Soundtrack – FILMSTARTS.de | eine hochzeit platzt selten allein soundtrack

Interviews und Stadtrundgänge, Tempel und Kirchen, Straßenstände und Luxusshops, U-Bahn und E-Luxuskarosse, Treffen mit Fremden und Feiern mit Freunden, ein Fußballspiel, zwei Radtouren und eine Mauerbesteigung. Die Deutschland-China-Tournee, die Dong Bo und ich in den vergangenen drei Wochen absolviert haben, war reich an Erlebnissen und Eindrücken. Es ging von München über Rheinhessen, das Rheinland, das Ruhrgebiet und Hamburg nach Peking und Wuhan. Gereist wurde per Flugzeug, Auto, Bus, Bahn, Fähre und Fahrrad.

Nun bin ich zurück in Hamburg und muss Gehörtes, Gesehenes, Gefühltes und Geschmecktes verarbeiten. Das wird sicher eine Weile dauern, manches lässt sich vielleicht nie völlig durchdringen. China stellt eine besondere Herausforderung dar und ist mir aufgrund von Sprachbarrieren, politischen Gegebenheiten, kulturellen Unterschieden und gesellschaftlichen Strukturen, aber sicherlich auch wegen der extrem kurzen Aufenthaltsdauer, doch sehr fremd geblieben.

Trotzdem soll es ein kleines Fazit des Selbstexperiments Duisburg-Wuhan geben. Die dargestellten Erkenntnisse erheben weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Allgemeingültigkeit, sondern sind eine ganz persönliche Bilanz.

Die Kraft der Ruhe

Unser Großraumbüro hat für mich gerade Ähnlichkeit mit einer Wellness-Oase. Es ist regelrecht luftig und optisch erholsam, außer der roten Taste an meinem Telefon, die mir zeigt, dass ich meine Mailbox abhören muss, blinkt hier nichts. Selbst die hellweiß strahlenden Schreibtischlampen haben in meinen Augen gerade einen unschätzbaren Wert: Ich kann sie manuell steuern, sogar ausschalten. Und erst die Akustik hier: Keiner der Kollegen benutzt einen elektronischen Verstärker, um sich Gehör zu verschaffen. Niemand daddelt lautstark auf einem Smartphone herum. Ich höre nur das leichte Klackern der Tastaturen, Telefonate und gelegentlich ein Husten, Schnäuzen oder Niesen. Und ein Lachen. Ach, wie schön.

Auch die Wirkung der Alster hat durch meine Reise gewonnen. All die Jogger, Hunde, Kinderwagen und Komfortradfahrer, die ich heute auf dem Weg ins Büro mit dem Rad umschiffen musste und die mir sonst gerne mal Wutrufe entlocken, erscheinen mir nun wie die letzten Exemplare einer aussterbenden Spezies.

Die Kunst der Gesprächsführung

Die Organisation von Interviews gestaltete sich etwas schwierig. Ob es tatsächlich an Terminengpässen der Gesprächspartner hakte oder an der Vermittlung von Gesprächen, vermag ich nicht zu sagen. Umso mehr freute ich mich aber, als wir in Wuhan einen Experten für Architektur, Stadtentwicklung und Feng-Shui treffen konnten. Weil auch er viele Termine hat, wurde das Gespräch für 21 Uhr angesetzt. Ungewöhnliche Zeit, dachte ich.

Wir treffen uns in einem schicken Fischrestaurant, in einem Séparée, wie man es für wichtige Gespräche in China wohl gern nutzt. Unser Gesprächspartner kommt jedoch nicht allein, im Schlepptau hat er einen Kollegen, einen Feng-Shui-Meister, der gerade aus den Wudang-Bergen zu Besuch ist, einen weiteren Feng-Shui-Experten, sowie einen Freund, der nicht näher eingeführt wird. Kann ja sehr interessant werden, denke ich.

Nach einer ausführlichen Bestellrunde reden wir zunächst über dies und das, teils auf Englisch, meist auf Chinesisch, was mich von Dong Bos Übersetzung abhängig macht. Zunehmend entspinnt sich ein Gespräch, von dem ich lediglich mitbekomme, dass die beiden Feng-Shui-Experten meist unterschiedliche Ansichten vertreten – und das wild gestikulierend und schnaubend betonen. Ich zupfe Dong Bo am Arm, bitte ihn um eine Übersetzung, in der Hoffnung, Informationen für meine Recherche zu erhalten.

“Pst. Das ist spannend”, winkt Bo ab, “erzähl ich dir alles später.”

Später komme ich immerhin dazu, ein paar meiner Fragen loszuwerden. Doch eben nur ein paar, denn dann müssen die Gäste gehen.

Auch unser Gespräch am nächsten Tag erfordert Geduld von mir: Der Interviewpartner kommt aufgrund von Terminen etwa eine Stunde zu spät und fängt dann mit Grundlagenwissen und den Informationen über sein Herzensprojekt an. Da er nur 25 Minuten Zeit hat, nehme ich auch hier etliche Fragen wieder unbeantwortet mit nach Hause.

Ich wende mich mit meiner Unzufriedenheit vertrauensvoll an Dong Bo und frage, ob wir in den nächsten Gesprächen nicht schneller zum Kern kommen könnten. Bo zieht die Augenbrauen hoch, er habe sehr wohl zur Kenntnis genommen, dass ich immer mit meinen Fragen vorgeprescht sei. “Und das empfinden viele Chinesen als sehr unhöflich.”

Die Sache mit den Gucci-Tüten

Einkaufstechnisch war ich für Dong Bo eine Enttäuschung. Schon an seinem Shopping-Tag in Hamburg machte ich für seinen Geschmack extrem früh schlapp. Während er sich bei Karstadt durch Schuhe, Mützen, Schals, Wäsche und Jacken probierte, hing ich ermattet auf den diversen Hockern in den diversen Abteilungen und hütete seine stetig wachsende Tütensammlung. An diesem Nachmittag konnte ich auf einen Schlag all jene Männer verstehen, die sich lieber ein Leberkäsebrötchen beim Metzger nebenan holen als mir bei der Wahl zwischen schwarzen und braunen Stiefeln zu helfen.

In Peking wurde mir dann klar, dass Bo anderes gewohnt ist. Zusammen mit seiner Freundin zieht er ganze Nachmittage und Abende durch Shopping-Tempel. Prada, Gucci oder Louis Vuitton – in Peking, aber auch in Wuhan, finden sich unzählige Geschäfte für Designer-Klamotten, Schmuck, Uhren und andere Accessoires, meist sind sie gut besucht. Das sehe ich durch die Schaufernster und anhand der zahlreichen Tüten, die von Menschen über die Straßen getragen werden. Genaugenommen oft von einem Mann – für die neben ihm laufende Frau.

Und da wären wir beim eigentlichen Thema: Was Männer in China so alles für Frauen machen. Aus verschiedenen Quellen wurde mir zugetragen, dass Frauen in gewissen Schichten, vor allem in Städten wir Peking und Shanghai, ein durchaus bequemes und luxuriöses Leben führen können – auf Kosten eines Mannes. Ein-Kind-Politik und Abtreibungen von Mädchen haben zu einem Frauenmangel geführt, Junggesellen müssen sich ins Zeug legen. Der eine kauft eine Eigentumswohnung, der andere wirbt auf einer riesigen Plakattafel um die Damenwelt, und der nächste lässt seine Kreditkarte glühen.

Als ich Dong Bo bei seiner Einkaufstour in Hamburg frage, wie viele Geschenke er seiner Freundin noch mitbringen möchte, ernte ich einen missbilligenden Blick: “Sie ist mir einfach sehr wichtig. Und das möchte ich ihr zeigen.”

Der Wert des Radfahrens

Schon in Hamburg hat sich Dong Bo mit Treppen schwer getan. Dass es zu meiner Wohnung im dritten Stock eines Altbaus keinen Aufzug gibt und wir – auch noch samt Gepäck – die Stufen hochsteigen müssen, überstieg seine Vorstellungskraft, zumindest anfänglich. Entweder gewöhnte er sich daran oder war einfach höflich – jedenfalls wurde später nicht mehr gejammert.

Anders an der chinesischen Mauer: “Ich fühle mich wie 40.” Dong Bo steht auf der Chinesischen Mauer und schnauft. Ich, 38 und trotzdem noch nicht ganz so außer Atem wie mein 27 Jahre alter Kollege, überlege kurz, ob ich etwas sage, hebe mir die Puste aber für die nächsten Stufen auf. Bo schnauft noch ein bisschen, streichelt seine angeblich schon zwackenden Oberschenkel und blickt mit besorgter Miene über seinen Mundschutz hinweg die weiteren Stufen hinauf. Wir sind erst an Turm sieben, angefangen haben wir bei der Nummer fünf. Mindestens vier weitere sehe ich noch auf dem Weg zum Bergkamm. Den nächsten macht Bo noch mit, dann streikt er. Ich lasse mich jedoch nicht von meinem ursprünglichen Plan abbringen und gehe weiter – insgesamt sechs Türme erklimme ich noch.

Die nächsten Tage sind wir dann allerdings in unseren Bewegungen etwas eingeschränkt: Bo klagt über Muskelkater in den Oberschenkeln. In diesem Zustand müssen wir dann auch noch in Wuhan einem Bus hinterherlaufen, der an der Haltestelle zu weit vorne gehalten hat. Völlig außer Atem werfen sich Bo und unsere Kollegin Zhangling neben mich.

“Hast du eine gute Kondition”, pustet Zhangling, und ich frage mich in Gedanken, ob die beiden nicht an all den sportlichen Aktivitäten teilnehmen, die ich den Chinesen zuvor zugeschrieben habe. Tai Chi oder Kung Fu? Schwimmen oder die überall in den Straßen befindlichen Geräte nutzen? Sie machen Yoga, sagen sie, das mache ich auch. Aber Dong Bo setzt meine Beinkraft mit einer anderen Aktivität in Beziehung: “Das ist das Radfahren.” Na, wenn’s mich die Mauer hochbringt. Bitte.

Das Ansehen eines teuren Autos

Mercedes-Benz, BMW und Audi, Hummer, Lamborghini und Maserati – die Ringstraßen von Peking sind voller dicker Autos. Erstaunlich neu, auffallend gut poliert, extrem selten von Beulen entstellt. “Ein Auto ist ein Statussymbol”, erklärt mir Dong Bos Freund, der uns in seinem neuen Volvo mit weißen Ledersitzen, Holzlenkrad und allerlei technischem Schnickschnack zu einem Ausflug fährt. Damit bestätigt er meinen Eindruck der ersten Tage. Dicke Autos verhelfen in Peking offenbar zu Ansehen, besonders deutsche Marken sind beliebt. Meiner optischen Mini-Empirie zufolge scheint jeder zweite Wagen seinen Ursprung in Stuttgart, München oder Ingolstadt zu haben. “Vielleicht sollte ich mir besser einen BMW holen”, unterbricht der Volvo-Fahrer meine Gedanken. Dabei wurde sein jetziger Wagen erst 2012 zugelassen und hat noch nicht einmal 800 Kilometer runter.

Für Hochzeiten wird noch einmal besonders aufgetrumpft. Das erklärt mir Bo, als wir in Wuhan eine hupende Kolonne von weißen BMWs mit rosafarbenen Schleifen sehen. “Daran siehst du, dass es hier anders ist als in Peking”, erklärt mir mein Begleiter. Hier fahren die zur Hochzeit nur BMW. In Peking würde man sich für den Tag besondere Autos leihen.” Da könnte ich mit meinem verdellten Kleinstwagen ja gleich einpacken.

26. November, Straßenmarkt in Peking

Wenn ich Dong Bo in seiner Heimat essen sehe, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Der arme Kerl muss in Deutschland schier verhungert sein. Egal ob München, Düsseldorf oder Hamburg, egal ob Mittag oder Abend – stets habe ich für jeden von uns ein Gericht bestellt. Und dachte, das sei okay. Nie hat sich Bo mit Nachtisch den Magen vollgeschlagen, nur einmal brachte er seine Sorge zum Ausdruck, nicht satt zu werden, und bestellte zu seiner Currywurst ein Jägerschnitzel. Wenn ich mir jedoch ansehe, was er und seine Freunde, aber auch die Chinesen an den Nachbartischen, in heimischen Restaurants so alles bestellen – und dann auch tatsächlich verputzen – dämmert mir langsam, dass ich ihn eindeutig auf Diät gesetzt hatte. Was er wahrlich nicht nötig hat.

Grundsätzlich gilt in Peking: Fingerfood geht immer. Das wird auch gern unmittelbar vor dem Besuch eines Restaurants oder sogar währenddessen gekauft und dann mit an den Tisch genommen. So erstehen wir an einem Abend an einem Straßenstand acht Spieße mit diversen Köstlichkeiten, um dann mit der Styroporbox in der Hand das hundert Meter entfernt liegende Restaurant zu betreten. Dort wird dann wild bestellt – die fünf Football-Spieler, die meiner Ansicht nach zur Bewältigung der Fleischberge nötig sind, erscheinen nicht. Stattdessen zieht sich Bos Freundin mitten im Schlemmen Jacke, Handschuhe und Mütze an, um am Stand an der Ecke weitere Spieße zu kaufen. Kaum haben wir das Restaurant verlassen – ich fühle mich, als hätte ich Obelix ein Wildschein streitig gemacht – steuern Bo und seine Freundin den nächsten Stand an.

“Uiii, da gibt es Trinkjoghurt. Und da Pudding mit Mango”, jubelt Bo. Nur mit Mühe kann ich ihn davon abhalten, mir eine Portion von beidem mitzubringen.

Streetfood in Peking und Wuhan: Etwas Puffreis für zwischendurch?

Wer nicht gerne teilt, hat in China ein Problem. Bei einem Restaurantbesuch bestellen üblicherweise alle zusammen mehrere Gerichte und bedienen sich dann. Schon die Tische sind meist auf kulinarische Gruppenerlebnisse ausgerichtet: Entweder haben sie in der Mitte eine offene Feuerstelle, auf die ein sogenannter Hot Pot kommt, ein übergroßer Fonduetopf, in den dann alles Mögliche zum Garen geworfen wird. Oder sie sind mit einer runden Drehplatte versehen, auf der verschiedene Teller und Schälchen mit allerlei Gerichten langsam an einem vorbeiziehen.

Die Bestellung als Gruppendiskussion

Das Bestellen an sich ist ein Ritual, das einige Zeit erfordert. Da wird lamentiert, diskutiert, gestikuliert, gewunken, genickt oder der Kopf geschüttelt, die Karte durchblättert, etwas auf den Bestellzettel geschrieben und dann wieder durchgestrichen.

“Was gibt es denn da zu diskutieren?”, frage ich Bo an einem der ersten Abende. Natürlich schwingt meine Sorge mit, dass er nicht nur zu viel, sondern auch das für mich Falsche bestellen könnte.

“Wieso? Wir diskutieren nicht”, antwortet er – und widmet sich wieder ganz dem Gespräch mit der Kellnerin.

Restaurantbesuch in China: Bestellvorgang mit Diskussionsanteil

Diese Gespräche sind steigerungsfähig. Mit jedem weiteren Gast am Tisch wird auch die Bestellrunde ausgeweitet. Wenn dann noch das rohe Fisch, Fleisch und Gemüse auf einem Silberwagen zum Auswählen vorgeführt wird, kennen Gesten und Geräusche kein Halten mehr. Ich bin dem Procedere jedes Mal hilflos ausgeliefert, englische Einwürfe von der Seite finden selten Gehör.

Mir wird schnell klar, dass Bos unbändiger Fleischappetit eine Frage der Gewohnheit ist. Fast jedes Gericht enthält in China Fleisch. Wie ich in meinem Reiseführer lesen konnte, ist das Wort Vegetarier überwiegend einigen professionellen Köchen bekannt. Auch Bo hat in seinem engeren Umfeld niemanden mit diesen für sein Verständnis sehr sonderbaren Gelüsten. Meine Fragen und Wünsche muss ich entsprechend formulieren. Der Satz “Ich hätte gerne Gemüse” bringt mir Rollen, Taschen und Knödel ein, die durchaus den ein oder anderen grünen Streifen enthalten – aber eben meist auch Fleisch. Gern klein gehackt. Formuliere ich hingegen ausdrücklich “kein Fleisch”, ernte ich zwar meist einen verständnislosen Blick, aber zumindest ein Menü, das eher meinen Vorstellungen entspricht.

Dschungelcamp auf Chinesisch

“Das ist typisch.”

Dieser Satz entwickelt sich zu Bos Allzweckwaffe. Er reicht schon, um mich ängstlich schaudernd zusammenzucken zu lassen, denn meist wird er von einem zweiten Satz begleitet.

“Das musst du probieren.”

Im besten Fall handelt es sich in einem sauberen Restaurant mit wohlriechenden Speisen um einen Eintopf mit Lamm oder Frosch. Im mittelschlimmen Fall geht es um einen chinesischen Döner, der eine Miniaturausgabe der in Deutschland handelsüblichen Fleischtaschen und dazugehörigen weißen Tüten darstellt. Im schlimmsten Fall ist es fermentierter Tofu. Der sieht aus wie halb angebrannte und in Wasser eingeweichte Kohlebriketts und stinkt dermaßen, dass sich die Geruchsinformation in Nase und Kurzzeitgedächtnis einbrennt.

Food-Market in Peking: Essen wie im Dschungelcamp

Da mein Leben als Fleischesser noch nicht allzu lange zurückliegt und ich chronisch neugierig bin, lasse ich mich sogar ein paar Mal zu einem kleinen Bissen hinreißen. Bei Entenblutpastete, frittierten Hühnerfüßen und den meisten Snacks, die auf dem Markt in Wangfujing im Zentrum Pekings zu erstehen sind, streike ich jedoch. Inmitten von zappelnden Skorpionen am Spieß und kleinen Vögelchen auf dem Grillrost fühle ich mich stark ans Dschungelcamp erinnert. Wie gut, dass ich keine veramte G-Prominente bin.

Bo und seine Freundin arbeiten sich tapfer durch die diversen Speisen. Wahre Begeisterungsstürme entlockt ihnen ein Eintopf, der graue Fleischstücke mit noppenartiger Konsistenz enthält – und dessen Geruch mich an feuchten Hund erinnert.

“Das ist Kuhmagen. Sehr lecker”, beteuert Bo auf meine Nachfrage nach den Ingredienzien und hält mir zwei Stäbchen voll damit unter die Nase. Ich habe mein Journalistin-forscht-Pulver jedoch bereits verschossen – an Knödel, in denen sich neben dem versprochenen Gemüse auch unbekanntes Meeresgetier befand, und an frittiertes Eis, das in erster Linie aus rohem Ei-Schnee bestand und in Öl getränkt war.

“Vielleicht ist es aber auch Lunge”, sagt Bo beim nächsten Mund voll Eintopf. Man kann einfach nie genau wissen, was man gerade vor sich hat – auch mit einheimischem Erklärbär.

“Ich mach das nur für dich. Normalerweise würde ich niemals ein Paar auf der Straße ansprechen”, sagt Dong Bo. Ich fühle mich geehrt. Einerseits. Andererseits denke ich mir: Er soll sich mal nicht so anstellen. Ich bin ganz offensichtlich nicht von hier und somit eine wunderbare Ausrede für unser neues Hobby. Während wir in Deutschland und Peking an jedem Ort Fotos von unseren Füßen auf dem dort typischen Boden gemacht haben, erschließt sich uns in Wuhan eine viel abwechslungsreichere Kulisse: Wir machen Aufnahmen mit Brautpaaren.

Genaugenommen macht Bo die Fotos, und ich geselle mich zu den Turteltauben. Er möchte sich nicht zu uns stellen – ihm reicht es völlig, dass er die Paare ansprechen und ihnen erklären muss, wer ich bin und warum ich gern ein gemeinsames Bild hätte.

Lustiger Zeitvertreib in Wuhan: Die Hochzeitscrasher

Ich bin nämlich total fasziniert von diesem Foto-Shooting-Tsunami, der in Wuhan über uns hereingebrochen ist. Allein in den ersten drei Tagen haben wir schon ein gutes Dutzend Brautpaare gesehen, die von sich Hochzeitsfotos machen lassen. Genaugenommen lassen sie Vorhochzeitsbilder machen, denn in China ist es üblich, am großen Tag schon etwas zeigen zu können. Gern plakatgroß, auf Pappe gezogen und von einem geschwungenen Rahmen umfasst.

Am Ufer des Jangtse, vor den Kolonialbauten des ehemaligen britischen Handelsstützpunkts, in einem zum Ausgehviertel umgestalteten Industriegelände – überall treffen wir auf aufgebrezelte Brautpaare, die die bizarrsten Posen einnehmen. Sogar vor dem spanischen Viertel, das aussieht wie Disneyland, aber außer einer Don-Quijote-Statue, einem Torero samt Stier und einer Flamenco tanzenden Bronzedame nicht viel mit dem europäischen Land zu tun hat, machen die Motivsucher nicht halt. Mal lässt die Braut ihre Schleppe aus der Hand flattern, mal legt ein Bräutigam den Zeigefinger ans Kinn und schaut verführerisch, mal schmachten sich die Brautleute auf einer Wiese liegend an.

Eines ist allen gemeinsam: Sie sind stets einen ganzen Tag unterwegs, und immer mit Entourage. Dazu gehört ein Fotograf, meist mit cooler Daunenjacke und etwas längeren Haaren (was man hier bei Männern fast nie sieht), ein Lichtassistent und mindestens eine Frau für Make-up und Haare. Oft ist auch noch ein Utensilienträger dabei, der sich mit riesigen Stoffblumensträußen abschleppt. Oder mit Stoffgiraffen. Die passen ja auch irgendwie ins spanische Viertel.

“Ist euch Mädchen so ein Foto-Shooting wichtig?”, fragt Bo mich nach Paar Nummer sieben oder acht.

Ich sehe ihn irritiert an – und denke intensiv über eine Antwort nach. Rein intuitiv hätte ich umgehend ein “Um Gottes Willen” herausschmettern wollen, doch ungern möchte ich von mir auf unser ganzes Geschlecht schließen, womöglich noch auf die Frauen in China. Und so lasse ich blitzschnell all die Hochzeiten Revue passieren, auf denen ich schon war. Klar, überall wurden Bilder von dem Brautpaar gemacht, meist verschwand dieses auch für ein bis zwei Stunden an einen besonders schönen Ort, gern mit einem professionellen Fotografen. Aber keiner meiner Freunde hat sich als Schuljunge mit rotem Hut und Köfferchen verkleidet oder musste sein Gesicht mit Kussmündern übersähen lassen. Und keine meiner Freundinnen hat vier verschiedene Outfits getragen oder einen Ascot-würdigen feuerroten Hut.

In China wird selbst während der Feier mehrmals die Garderobe gewechselt – davon konnten wir uns mit eigenen Augen überzeugen. Zhangling, eine Journalistin aus Wuhan, führte uns am ersten Abend in Restaurant, in dem für die Region typisches Essen serviert wird. Noch an der Tür will ich kehrtmachen, denn offensichtlich ist in dem Lokal eine geschlossene Gesellschaft. Eine Hochzeit, verraten die im Eingangsbereich stehenden Vasen mit weißen Blumen – und die drei Fotos eines Paares in drei verschiedenen Outfits.

“Komm, komm. Wir können da trotzdem rein. Das musst du erleben”, sagt Bo und zieht mich ins Lokal. Zhangling hat einen Tisch klar gemacht und beginnt aus der großen Speisekarte zu bestellen. Schon wird von den umliegenden Rundtischen zu uns herüber gestarrt. Auffälliger als mit mir im Schlepptau können sich Hochzeitscrasher in China aber auch kaum einschleichen. Doch offenbar stört sich niemand an uns, im Gegenteil: Von allen Seiten wird gewunken, gelächelt und geprostet.

Nach einigen Spielen und einem Kleiderwechsel gehen Braut und Bräutigam durch den Saal und stoßen mit den Gästen an. Dong Bo ist auf einmal gar nicht mehr so schämig und winkt die beiden zu uns an den Tisch. Er erzählt ihnen irgendwas und drückt mir mein Wasserglas in die Hand: “Du musst unbedingt mit ihnen anstoßen.” Das mache ich brav, bekomme gleich noch ein kleines Gastgeschenk in die Hand gedrückt und das Glas nachgefüllt. Denn schon kommt der Nächste zum Anstoßen. Er stellt sich als Onkel der Braut vor und prostet mir gleich zwei Mal zu. “Das ist eine ganz besondere Ehre”, flüstert Bo.

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Als Dong Bo sich über das W-Lan in Deutschland beschwert hat, war ich zunächst ein wenig pikiert. Aber ich habe mir gedacht, ich schau erst mal, wie das tatsächlich in China so läuft, bevor ich etwas sage. Nun kann ich sagen: Ja, es gibt hier – sowohl in Peking als auch in Wuhan – in allen möglichen Cafés, Hotels und Flughafengates Wifi – aber das heißt noch lange nicht, dass man auch immer ins Internet kommt. Ich scheitere gern am Passwort.

Nachdem ich die ersten Tage immer auf Bo und seine Übersetzungskünste angewiesen war, habe ich nun einen Weg gefunden, der über Sprachbarrieren hinweghilft: Ich trage meinen Laptop mit der entsprechenden Zugangsseite zu einem Mitarbeiter der Örtlichkeit, tippe auf das auszufüllende Passwortfenster – oder auf das, was ich dafür halte, da auch die Zugangsseiten oft ausschließlich auf Chinesisch sind – mache große Augen und halte Stift und Zettel oder direkt das technische Gerät hin. Das funktioniert im Allgemeinen sehr gut.

In unserem Hotel in Wuhan wähle ich aus Bequemlichkeit zunächst den Weg über Dong Bo.

“Anmelden mit der Zimmernummer und als Passwort einfach deinen Name eingeben”, sagt er kurz angebunden am Telefon. “Mein Akku ist gleich leer.” Er nimmt in einem Restaurant noch einen spätabendlichen Snack, während ich schon im Zimmer ein paar Mails schreiben will.

Mein Name. Gut. Aber wie geschrieben? Alles klein? Alles groß? Nur vorne Großbuchstaben vielleicht? Keine Ahnung.

Ich will Dong Bo aber nicht erneut beim Essen stören. Also probiere ich die verschiedenen Optionen durch. Die müssen natürlich noch um die Varianten mit und ohne Leerzeichen ergänzt werden. Das Baumdiagramm der Möglichkeiten in meinem Kopf wächst. Ich erweitere es um die chinesische Variante, dass der Nachname vorne steht und der Vorname hinten. Nichts funktioniert. Immer wieder blinkt auf meinem Bildschirm die rote Box auf, nicht die links davon befindliche grüne.

Ich rufe Dong Bo an. Doch die nette Frauenstimme, die ich zwar nicht verstehe, aber schon kenne, zeigt mir, dass mein Kollege nun mit leerem Akku unterwegs ist. Die Rezeption anzurufen bringt nichts, also packe ich meinen Laptop, stapfe die zwei Etagen nach unten und zeige auf das Fenster mit dem Passwort.

“Your Name”, sagt die Rezeptionistin mit gebrochenem Englisch.

“No work”, erwidere ich, nach einigen Tagen in China wohlwissend dass diese Kurzbotschaft verstanden wird.

Die junge Dame konsultiert einen Ordner, in dem sie offensichtlich meine Buchung aufbewahrt, erweitert dies um eine Auskunft aus ihrem Computer, greift dann zu Zettel und Stift und schreibt auf:

“SIMONE DEUTSCH”

Aha. So heiße ich also hier. Auch gut, wenn mich das ins Internet bringt. Doch im Geiste gehe ich die Äste des Baumdiagramms durch.

“Small letters? Big letters? With space? No space?”

Die Dame guckt mich nur irritiert an. Was die Dame an Dong Bos Handy sagen wird, weiß ich auch, also gehe ich in mein Zimmer und tippe alle denkbaren Varianten ein. Keine funktioniert.

“625 Dongbo” tippe ich rein intuitiv in die beiden Kästen – und bin im Netz.

“310 Deutschsimone” versuche ich analog – nichts.

“310 Simonedeutsch” – auch nicht. Ich gebe auf und nutze einfach Bos Zugang.

Der funktioniert auch noch 48 Stunden später. Bo ist inzwischen seit mehr als 30 Stunden abgereist, weil er beruflich dringend nach Peking musste. Ich bin noch ordentlicher Gast in diesem Hotel – mein Name berechtigt mich aber immer noch nicht zur Internetnutzung. In keiner Kombination.

21. November, Wuhan

“Was zum Teufel willst du in Wuhan?”

Das fragte mich ein Freund vor ein paar Wochen, als ich von meiner Reise erzählte. Genaugenommen wollte er wissen, wo das eigentlich liegt. China. Klar. Aber weiter? Kurz ein paar Fakten, die ich zugegebenermaßen zum Zeitpunkt des Gesprächs auch noch nicht parat hatte: Wuhan liegt in Zentralchina, am Zusammenfluss des Jangtse und des Han, fast genau in der Mitte zwischen Peking im Norden und Hongkong sowie Shenzen im Süden, Shanghai im Osten und Chongking im Westen. Mit dem Flieger braucht man rund zwei Stunden von Peking. Bald wird es einen Superschnellzug geben, der die Strecke in vier Stunden schafft – bislang sind es achteinhalb. Im Zentrum Wuhans leben gut vier Millionen Menschen, die Stadtverwaltung zählt offiziell jedoch auch die Außenbezirke hinzu, womit die Hauptstadt der Provinz Hubei auf 9,7 Millionen Bürger kommt. Wuhan ist der industrielle Schwerpunkt in Mittelchina, im Osten der Stadt liegt der größte Binnenhafen des Riesenreichs, die Universität zählt zu den renommiertesten des Landes.

Auf den Straßen von Wuhan: “Mein Name ist Emma”

Zugegeben: Wuhan ist nicht gerade ein Must-See für Touristen. Die im Reiseführer angegebenen Sehenswürdigkeiten beschränken sich auf den Gelben-Kranich-Turm, einen Tao-Tempel und einen buddhistischen Tempel, Einheimische besuchen auch gern das Museum zur Großen Revolution und die Promenade am Jangste-Ufer. Dort machen auch Bo und ich einen kleinen Ausflug. Mit einem Gefährt, das ein bisschen einem Bier-Bike gleicht, nur das es lediglich Platz für zwei Personen bietet und kein Bier an Bord hat, schlängeln wir uns durch Spaziergänger, spielende Kinder und Verkäufer.

“Pass auf den Mann mit dem Drachen auf. Den sollten wir nicht umfahren”, warne ich, die auf dem Beifahrersitz lediglich ein Fake-Lenkrad hat und damit überhaupt nicht ins Geschehen eingreifen kann. Sehr zur Freude von Bo, der mich nun aber mit hochgezogenen Augenbrauen ansieht.

“Ehrlich gesagt…”

Er macht eine der Spannungssteigerung dienende Pause.

“Wir sollten niemanden umfahren.”

5000 Baustellen und keine Kräne mehr

Auch wenn es so scheint – Bo und ich sind nicht zum Vergnügen in Wuhan. Wir recherchieren zur Umwandlung ehemaliger Industrieregionen in zukunftsträchtige Wohn-, Arbeits-, Einkaufs- oder Kulturbereiche und zu nachhaltigem Bauen. Zu diesem Zweck besuchten wir in Deutschland Projekte im Ruhrgebiet und in Hamburg – und sind nun in Wuhan im Einsatz. Und diese Stadt kann gerade einiges zum Thema Bauen beitragen: Eine lokale Journalistin erklärt uns, dass es zurzeit rund 5000 Baustellen in Wuhan gibt. Angeblich soll lediglich ein Mangel an Kränen den Bauboom bremsen.

Doch auch bei alter Bausubstanz ist Wuhan, dessen Zentrum aus den drei Städten Wuchang, Hankou und Hanyang zusammengelegt wurde, eine Fundgrube. Hankou war vor rund 300 Jahren ein bedeutender Handelsstandort, und die großen Weltmächte hatten Stützpunkte hier. Zwischen den imposanten, wenn auch zum Teil enorm heruntergekommenen Kolonialbauten finden sich immer wieder kleine Gässchen, sogenannte Li Fen. Viele sind in den vergangenen Jahren zugunsten von Hochhäusern abgerissen worden, doch einige sind übriggeblieben. Der Bürgermeister hat einen Plan entwickelt, um historische Bausubstanz zu schützen.

“Eine typisch chinesische Stadt”

“Wuhan ist eine typisch chinesische Stadt”, sagt Dong Bo schon bei unserer Ankunft. Und tatsächlich sieht es hier eher so aus, wie ich mir China vorgestellt hatte. Es ist einfach nicht so bling-bling wie in Peking. Die Straßen sind ein wenig rumpeliger als in Peking, die Autos sind deutlich staubiger, die Häuser deutlich verwohnter. Viele Menschen sind zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs, Taxis sind leicht zu bekommen und kosten fast nichts. In der Rushhour sitzt man auch hier schon mal etwas länger im Auto, aber die restliche Zeit des Tages lassen sich in 10 bis 15 Minuten schon ordentliche Strecken zurücklegen.

In der kleinen Straße, in der unser Hotel liegt, schlürfen die Menschen morgens aus weißen Styroporbechern die hier typischen Nudeln, machen an eigens dafür vorgesehenen Geräten Frühsport, oder verhökern auf kleinen Wägelchen Gemüse oder Selbstgebackenes. Eine Frau bestickt Einlegesohlen für Schuhe mit Herzen, Vögelchen und Ornamenten, ein Mann repariert kaputte Treter. Natürlich kann der Kunde daneben stehenbleiben und warten, den Fuß auf einer Plastiktüte abgestellt. Einige Frauen erledigen ihre Einkäufe in den gesteppten Pyjamas, die auch in anderen asiatischen Ländern durchaus straßentauglich sind, die ich in Peking aber nicht zu Gesicht bekommen habe. Frisch gewaschene Wäsche wird in Wuhan gern zum Trocknen auf quer über den Bürgersteig gespannte Leinen gehängt. Dong Bo scheint darüber erstaunter zu sein als ich: “Das ist in Peking nicht erlaubt.”

“Wie schön, dass du uns besuchst”

Langnasen sind in Wuhan Mangelware. Es kursiert eine Zahl von rund 2000 Ausländern, die hier arbeiten und leben sollen. Meine persönliche Empirie könnte diese Vermutung stützen: In den ersten zwei Tagen meines Aufenthaltes habe ich genau eine weitere Frau mit hellen Haaren gesehen und einen anderen Deutschen getroffen. Diese Begegnung war jedoch verabredet.

Auch sind die Wuhaner deutlich überraschter als die Pekinger, wenn ich ihnen ein “ni hao” entgegenschmettere. Taxifahrer lassen ihren Kopf herumschnellen, Bedienungen kichern hinter vorgehaltener Hand, und Dong Bos Lieblingsstraßenverkäuferin, die vor unserem Hotel ihre Blätterteigklumpen anbietet, winkt, wenn wir vorbeigehen. Trotz aller Freundlichkeit: Bo ist als mein persönlicher Dolmetscher unverzichtbar – Englischkenntnisse sind hier Mangelware. Wenn ich sie nicht anspreche, schenken mir die Erwachsenen hier auch keine große Beachtung. Sie sind geschäftig unterwegs, meist mit ernstem Blick in ihren Weg vertieft, seltener durch Smartphones abgelenkt.

Aber für Kinder bin ich eine kleine Attraktion. Schon im Shuttle-Bus vom Flughafen in die Stadt machte ein Junge seinen Vater auf mich aufmerksam, erzählte ihm kopfschüttelnd irgendetwas und winkte mir zu. Beim ersten Snack in einem chinesischen Fast-Food-Restaurant kam ein kleiner Junge mit einer chinesischen Kinderhose, die zur leichteren Erleichterung im Schritt eine offene Naht hat, an unseren Tisch gerannt und zelebrierte mit enormer Ausdauer durch eine Glasscheibe mit mir eine Art Kuckuck-Spiel.

Eltern von größeren Kindern nutzen gern die Gelegenheit, ihre Sprösslinge zu mir zu schicken, damit sie ihr Englisch üben können. Jungen sind da meist etwas schamhaft, Mädchen plappern munter drauf los. So kam in dem Schnellimbiss auch die größere Schwester des Kuckuck-Spielers schnell hinzu und stellte sich vor – in offenbar auswendig gelerntem aber gut verständlichem Englisch.

“Mein Name ist Emma, ich bin vier Jahre alt. Wie schön, dass du unser Land besuchst.”

Dann erzählte sie noch etwas über ihre Familie und ihre Schuhe. Die haben Federn. In verschiedenen Farben. Glaube ich. Aber genau verstanden habe ich das nicht – und nachfragen funktionierte nicht.

Reizüberflutung im Sekundentakt

Es flimmert. Es leuchtet. Es flackert. Es blinkt. Es piept. Es rauscht. Es dröhnt. Es scheppert. Es quäkt. Es summt. Tag drei in Peking, und durch meinen Kopf schießt das Word “Overkill”. Immer wieder zieht es hinter der Stirn durch meinen Schädel ins Gehirn. Hintereinander gereiht als endlose Banderole, ganz so wie diese grelle pinkfarbene Leuchtreklame, die seit mehreren Sekunden an uns vorbeischießt. “Reizüberflutung”, unterbricht meine Freundin, die in Shanghai lebt und mich in Peking besucht, meine Endlosschleife. Nach diesem Wort hatte ich gesucht, es aber im aktuellen Chaos meines Hirns nicht gefunden.

Laut und bunt: Reizüberflutung in Peking

Wir stehen in der U-Bahn. Vor mir ein Fernseher, auf dem ein chinesischer Alfred Biolek einen Fisch samt Kopf, Haut und Flossen in eine viel zu kleine Schüssel legt und mit Gemüsesud übergießt. Rechts neben mir ein Mann, der auf seinem Smartphone ein Spiel spielt, aus dem es ständig fiept und trällert. Dahinter ein älterer Mann, der die Fahrgäste mit Gesang aus einem scheppernden Mikro um Geld anfleht. Links neben mir eine Frau, auf deren iPad eine Liebesschnulze flimmert. Und hinter all dem die Leuchtreklamen, die an den Wänden des U-Bahnschachts angebracht sind und die Vorbeifahrenden jetzt gerade auf einen Internetmusiksender aufmerksam machen wollen.

“Ich nehme das gar nicht wahr”, sagt Dong Bo und grinst ein wenig über meinen Zustand.

Schließlich stehen wir nur deshalb in dieser Bahn, weil ich mich inzwischen weigere, in ein Taxi zu steigen. In den ersten zwei Tagen in Peking habe ich mehr im Stau gestanden als in den vergangenen zwei Jahren in ganz Deutschland – Bos und meine insgesamt rund 2000 Kilometer umfassende Recherchetour inklusive. Am ersten Abend in Peking brauchten wir im Auto eines von Bos Freunden für eine Strecke von etwa 20 Kilometern zweieinhalb Stunden, davon standen wir geschlagene 50 Minuten an einer Stelle. Nichts ging mehr. Am nächsten Abend schaffte das Taxi die Strecke immerhin in einer Stunde und 15 Minuten – die U-Bahn braucht 20 Minuten.

Touristengruppen mit Brülltüten

“Die ist aber immer total überfüllt, da steht man dicht an dicht”, wirft Bo ein, der deswegen immer mit dem Auto zur Arbeit fährt. Auch wenn er für jede Strecke etwa eine Stunde braucht – und dabei nichts vom China-Biolek lernen kann. Nachdem ich ihm erklärt habe, dass die Situation in der Linie 5 in Peking im Vergleich zur U1 in Hamburg, morgens um 8 Uhr an einem verregneten Novembertag, echt luftig ist, erklärte sich mein Gastgeber zur Nutzung des öffentlichen Verkehrsmittels bereit. Nun darf ich also nicht meckern.

Schließlich geht es auf den Straßen Pekings kaum ruhiger zu. In einer kleinen Einkaufsstraße, in der sich Stand an Stand reiht und jeder Verkäufer maximal einen Meter in der Breite zur Verfügung hat, reicht der Raum völlig aus, damit jeder seine eigene Musik spielt. Unterbrochen wird der Klangteppich immer mal wieder von einer Frau, die auf der anderen Straßenseite Gäste in ein Restaurant lockt. Natürlich mit einem dieser kleinen schwarzen Rundmikrofone, die die Menschen, die sich hier Gehör verschaffen wollen, dicht vor den Mund halten, und die mit einem scheppernden Lautsprecher verbunden sind.

Erstmals kam ich in den Genuss dieser Brülltüten bei unserem Besuch der Verbotenen Stadt. Unzählige chinesische Touristengruppen besuchten mit uns die Attraktion, und während die Gruppen im Gleichschritt durch die Anlage marschierten, brüllten ihre Reiseleiter ihre Erklärungen per Mikrofon über die mit Gleichmützen bedeckten Köpfe.

“Du kannst die Lautstärke höher drehen”, sagt Bo, als ich mit der linken Hand meinen Ohrenstöpsel des Audio-Guides fester in mein Ohr drücke und mit dem rechten Mittelfinger mein rechtes Ohr verschließe.

“Ich bin schon beim Maximum”, brülle ich zurück und bekomme wieder nicht ganz mit, was die Kaiserinmutter nun mit den jungen Konkubinen gemacht hat.

Soll eine spannende Geschichte sein, habe ich mal gehört. Aber eben nicht hier in Peking. Aber ich verstehe immerhin, warum Bo mich in Deutschland in einem Restaurant oder an einer Sehenswürdigkeit häufiger mit besorgter Miene fragte, ob er zu laut spreche.

“Keiner hupt”

Auch die Abende sind in Peking nicht ruhiger, sondern bunter. In den Bäumen entlang den großen Straßen erstrahlen Lichterketten in mindestens sechs Farben. Doch ein Einfaltspinsel, wer meint, dass die einfach nur leuchten: Sie ergießen sich, kaskadenförmig über die blattlosen Äste, von oben nach unten, um dann wieder ganz oben anzufangen. Häuser, in denen entweder ein moderner australischer Shoe-Shop oder High-End-Wohnungen untergebracht sind, haben mit Leuchtröhren überzogene Fassaden und wechseln im Zehn-Sekunden-Takt die Farbe oder die beleuchteten Bereiche. Große Laser werfen Lichtkegel in den Himmel, kleine Laser werfen Lichtstrahlen in mein Gesicht, wenn ein Verkäufer von grünen und blauen Laser-Pointern wieder einmal meint, auf diese Weise seinen Umsatz steigern zu können. Hinzu kommen die ständig wechselnden Gerüche, die im besten Fall von frischem Popcorn herrühren und im schlimmsten Fall von Stinke-Tofu.

Eines fehlt jedoch fast völlig im Pekinger Spektrum der Sinneseindrücke: Hupen. Ehrlich gesagt ist mir das die ersten Tage gar nicht aufgefallen. Meine Freundin aus Shanghai machte mich drauf aufmerksam.

“Das ist so angenehm ruhig hier. Keiner hupt”, sagte sie während eines Marsches auf einer Hauptverkehrsstraße. In Shanghai werde für jeden Quatsch gehupt, in Peking sei das im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen eingeschränkt worden. Offenbar haben die Menschen da gemerkt, dass dieses akustische Signal zumeist überflüssig ist. Weil es ohnehin keiner wahrnimmt.

Eine Stunde Flug von Hamburg nach Frankfurt, zwei Stunden Transit, neun Stunden Interkontinentalflug nach Peking – bis auf kleinere Differenzen am Tax-Free-Schalter verlief unsere gesamte Reise nach China reibungslos. Selbst die Taxifahrt vom Flughafen, vor der Dong Bo schon länger graute, ging so glatt, dass er es immer noch nicht fassen kann. 12.10 Uhr ist einfach eine gute Zeit, um Peking von Nord nach Süd zu durchqueren, und so konnte ich einen ersten Eindruck von den Ausmaßen der knapp-20-Millionen-Einwohner-Metropole bekommen, ohne dafür stundenlang im Stau stecken zu müssen.

Von Hamburg nach Peking: Ein “Ni hao” macht noch keine Konversation

Nun sind Dong Bo und ich in seiner Heimat angekommen und ich bin in einem kleinen Hotel südlich des Zentrums gelandet, im Bezirk Xuanwu, nur zehn Gehminuten vom Himmelstempel entfernt. Bevor Bo samt seinem ganzen Gepäck nach Hause fährt, bringt er mich in ein Restaurant wenige hundert Meter vom Hotel entfernt und handelt mit dem Besitzer aus, dass ich etwas essen möchte. Es ist Nachmittagspause, der Laden ist leer, eine der Kellnerinnen schlürft Nudeln, eine andere scheint sich gerade zu frisieren, jedenfalls läuft sie mit nassen, kopfüber hängenden Haaren im hinteren Bereich des Gastraums umher.

Bo und ein Mann in schwarzem Anzug, der der Restaurantbesitzer oder Geschäftsführer zu sein scheint, blättern durch die großformatige Karte – auf der Suche nach “einem typisch chinesischen Gericht”. “Eines mit Gemüse”, werfe ich ein und versuche anhand der Fotos etwas auszuwählen. Das blättrige Grüne – es könnte Spinat oder Wasserkresse sein – gibt es nicht. Keine Saison. Das mit Paprika und Zwiebeln gibt es auch nicht. Der Grund wird mir nicht verraten. “Das hier ist typisch. Mit Trockenfisch. Ein bisschen salzig, aber typisch”, schlägt Bo vor. Ich zeige auf ein Foto mit Brokkoli. Damit haben wir in Düsseldorf ja gute Erfahrungen gemacht. Der Restaurantbesitzer nickt, strahlt und eilt von dannen.

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Bo handelt den Preis aus und macht sich auf den Weg. Ich fühle mich der Situation mehr als gewachsen. Schließlich haben wir schon während Bos Deutschlandaufenthalt ein paar Brocken Chinesisch geübt, ich habe mein Bilderwörterbuch dabei, das mir eine Freundin für die Reise geschenkt hat, und mich schon in anderen asiatischen Ländern ohne Sprachkenntnisse gut durchgeschlagen.

Der Gastronom schaut irritiert

Doch hier wartet eine besondere Herausforderung auf mich. “Xiè xiè”, gesprochen so ähnlich wie “cheche” mit weichem ch ohne die Zähne von innen zu berühren, versuche mich für das Essen zu bedanken. Und mit einem “hao” zum Ausdruck zu bringen, dass es gut geschmeckt hat. Doch der Gastronom schaut mich irritiert an.

Ich mache eine ausholende Geste, zeige auf die Teller und versuche es erneut mit “hao”. Inzwischen klingt es selbst in meinen Ohren eher wie das “Howgh” aus einem Karl-May-Film als wie ein chinesisches Lob. Auch mein erneuter Versuch der Dankesbekundung verkommt zu einem Gezische, das dem sch-ch-Problem einer Aachenerin gleicht.

Der Restaurantbesitzer und ich versteigen uns immer mehr in Gesten und Geräusche. “Mmmmmh” versuche ich es nun, hat Bo mir doch gesagt, dass das ein globaler Ausdruck sei. Tatsächlich scheint diese Botschaft anzukommen, der Mann lacht. Ich versuche unserer Konversation eine neue Wendung zu geben und frage auf Englisch nach seinem Namen. Tatsächlich scheint er das auf Anhieb zu verstehen, schnappt sich seinen Rechnungsblock und schreibt darauf “My name is Hong Hai”. Auf die Frage nach dem Namen des Restaurants guckt er mich jedoch mit Unverständnis an, deutet mir mit einer Geste zu warten, verschwindet hinter der Theke und telefoniert. Mit einem Dolmetscher? Falls ja, ist es kein sehr guter. Denn als Herr Hong an meinen Tisch zurückkehrt, steht auf dem Zettel etwas, was ich als Telefonnummer ansehen würde, wenn der Restaurantbesitzer nicht gerade ein großer Zahlenfan ist. Wie auch immer. Mir wird klar, ich bin in Peking angekommen. Sprachhürden inklusive.

Auf dem Rückweg in mein Hotel erkunde ich ein wenig die Umgebung und fühle mich schnell wohl. Die Straße ist so schmal, dass gerade mal ein Auto an den parkenden Wagen vorbeikommt, auf der einen Straßenseite sind die Häuser nur eingeschossig und recht alt. Es gibt mehrere kleine Restaurants und Supermärkte, vor denen rote Lampions hängen. Drei Männer sitzen auf dem Bürgersteig und spielen Karten. Ein Mann verkauft Luftballons, ein anderer baut gerade seinen Stand mit diversen Spießen auf. Fleisch, Gemüse, Teigwaren, daneben eine Metallplatte, die er später in einen Grill umwandeln wird. Als ich wenige Stunden später mit Dong Bo und seiner Freundin an dem Mann vorbeikomme, macht er schon ein gutes Geschäft.

“Das ist ein bisschen provinziell hier”

Eigentlich wollte Bo mich an meinem ersten Abend in ein Vergnügungsviertel im Stadtzentrum ausführen, doch da es inzwischen schon später ist als ursprünglich gedacht, bleiben wir in meiner Gegend.

“Das ist ein bisschen provinziell hier, aber es gibt ein gutes Restaurant für Hot Pots”, sagt Bo.

“Was meinst du mit provinziell?”, frage ich, die die Lage der Straße anhand der kleinen Faltkarte des Hotels als durchaus zentral einstufen würde.

“So sieht es in kleinen Städten auf dem Land aus”, erklärt Bo und zeigt auf die Häuschen, Sträßchen und Lädchen. Er lebt im Norden der Stadt, im elften Stock eines modernen Wohnhauses. Und zugegeben: Was ich eben noch als Supermarkt bezeichnet habe, würde im Rheinland eher Büdchen genannt werden und in Berlin Spätkauf. Aber immerhin haben sie in dem Mini-Lebensmittel-Geschäft Sim-Karten, mit denen ich sogar internationale Anrufe tätigen kann.

In diesem Moment schiebt ein Mann direkt neben uns sein Moped vom Bürgersteig auf die Straße. Herr Hong. Ich erkenne ihn sofort wieder. Und auch er erkennt mich. Er strahlt über das ganze Gesicht, schnappt sich meine Hand und schüttelt sie: “Ni hao.” “Ni hao”, entgegne ich und schüttele munter mit.

“Oh, noch keinen Tag hier und schon kennt man dich”, sagt Bo.

Ich nicke. Manchmal mag ich es ein bisschen provinziell.

Mundschutz gegen die Kälte

Schnee und Eis sind inzwischen geschmolzen, aber die Menschen in Peking packen sich immer noch dick ein. Als wir uns auf den Weg machen, um die Verbotene Stadt zu besichtigen, zeigt eine riesige Leuchttafel sechs Grad Celsius an. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Kurz: Es ist ein wunderschöner – meiner Ansicht nach milder – Wintertag. Dong Bo scheint das anders zu sehen. “Willst du keine Mütze aufsetzen?” fragt er mich. Er trägt seine mit Fell gefütterte Fliegermütze. Ich schüttele den Kopf. Die Mütze ist hier erst abends nötig, auch Handschuhe brauche ich keine. Mein Daunenmantel und meine Stiefel halten mich warm genug. “Meine Freundin hat mir noch was für uns mitgegeben”, sagt Bo und zieht aus seinem Rucksack zwei Plastiktütchen.

Bibbern in Peking: Mundschutz gegen die Kälte

Darin findet sich jeweils ein Mundschutz, Modell OP, aber grau mit weißen Gummibändern. Ich denke zunächst, dass wir die wegen der verschmutzten Luft tragen sollen – und beschließe, mich zu weigern. So schmutzig kann die Luft gar nicht sein. Schließlich sitze ich bei einer Grippewelle ja auch nicht mit einem solchen Ding im Großraumbüro. Dong Bo lacht und schüttelt den Kopf. “Die sind gegen die Kälte.” Jetzt weigere ich mich erst recht, eine Maske anzuziehen. “In Deutschland ist es im Winter manchmal noch viel kälter”, versuche ich mich zu erklären und überlege, ob es tatsächlich in der vergangenen Woche noch so mild war, dass sich mein chinesischer Austauschpartner gar nicht vorstellen kann, ich könnte durchaus Minusgrade gewohnt sein. Bo zuckt mit den Schultern, zieht seine Maske auf und steuert auf die U-Bahn-Station zu.

In Peking ist es offensichtlich weit verbreitet, sein Gesicht vor kaltem Wind zu schützen. Ich sehe mehrere Erwachsene mit solchen Masken, meist die grauen Exemplare, von denen ich nun auch eines in meinen Rucksack gesteckt habe. Manche tragen aber auch Gesichtsmasken aus Stoff oder aus Plüsch, Modelle für Kinder sind gern mal mit Tiergesichtern verziert. Um die Ohren zu schützen setzen einige Frauen auf überdimensionale Ohrenschützer, andere tragen die derzeit sehr beliebten Mützen oder Kapuzen mit Tierohren. Männer setzen auf dicke Wollmützen oder Kapuzen. Unisex sind die riesigsten Handwärmer, die ich je gesehen habe: Sie werden vor allem von Menschen genutzt, die längere Zeit im Freien irgendeine Form von Lenker halten müssen, sei es auf einem Moped oder einem Fahrrad. Die Teile sehen aus wie Fäustlinge in DinA-4-Format und sind meist an den Lenkern angebracht. Besteigt man sein Moped, schlüpft man in die Warmhaltekissen, in denen man auch Gas- und Bremshebel betätigen kann.

Auch ans Aufwärmen wird in Peking gedacht. Vor jedem Laden hängen Vorhänge aus durchsichtigen Plastikbahnen, in Cafes kann man sich kostenlos heißes Wasser in seine Trinkflasche füllen lassen. Und selbst ihre Hunde lassen die Menschen nicht frieren. An einer Straßenecke sitzt ein weißer Spitz mit grün-schwarzen Söckchen.

13. November, Hamburg

Es scheint ein globales Ding zu sein: Männer lieben Fußball. Meine Kenntnisse sind wahrlich rudimentär, das Interesse besteht eher an der Nationalmannschaft als an einem lokalen Team. Doch Dong Bo ist fußballbegeistert. Auf seiner Einkaufsliste für Deutschland stand das Shirt eines Clubs ganz weit oben, das Champions-League-Spiel Dortmund-Real haben wir uns auf seinen Wunsch hin in einer Kneipe angesehen – und auf meine anfangs der Reise gestellte Frage, ob es etwas gäbe, was er in Deutschland unbedingt machen wolle, sagte er umgehend: “Zu einem Fußballspiel gehen!”

Bo rockt den Block: “Saankt Paulii” (klatsch, klatsch, klatsch)

Es fügte sich, dass wir Montagabend in Hamburg waren und ein Freund Tickets für die Partie St. Pauli gegen VfL Bochum besorgen konnte. Also erleben wir um 20.15 Uhr den Anstoß im Millerntor-Stadion. Die Ultras auf der Südtribüne geben alles, die Fans auf der Gegengerade sind auch in Form, nur auf der Haupttribüne, wo wir Plätze haben, geht es etwas gesetzter zu. Mit einer Ausnahme.

Bo, thematisch passend gekleidet in einem Weltpokalsiegerbesieger-T-Shirt und einem braun-weißen Schal, lässt sich von mir – sofern ich sie verstehen kann oder sie eventuell sogar kenne – die Fangesänge übersetzen und stimmt mit ein. Im Zweifel singt er einfach “Saankt Paulii (klatsch, klatsch, klatsch), Saankt Paulii (klatsch, klatsch, klatsch), Saankt Paulii (klatsch, klatsch, klatsch)”, oder er reckt jubelnd die Arme in die Luft.

“Wir können auch eine Welle starten”, schlägt er vor, scheitert aber an der Haltung seiner Nachbarn. Schnell ist er im halben Block bekannt. Wenn der Biermann die Treppe hoch kommt, fragen die Leute schon, ob wir noch was brauchen.

“Die Menschen sind so freundlich hier”, begeistert er sich.

Schnell hat er seinen Lieblingsspieler. Die Nummer 2 von St. Pauli.

“Ah, jetzt macht er Druck. Alles geht über ihn”, versucht er mich in ein Fachgespräch zu verwickeln. Ich kenne zwar die Abseitsregel und weiß, dass das Runde ins Eckige muss – dann hört es aber auch schon auf.

“Das war ein guter Zug”, jubelt Bo neben mir.

“Oh nein, jetzt der Konter”, ergänzt er kurz danach. Ich nicke einfach nur. Und versuche meine Unkenntnis mit Wissen über die Historie des Stadions und des unmittelbar daneben stehenden Bunkers wettzumachen. Und mit einem Witz darüber, dass ich als Deutsche von einem Chinesen was über Fußball lernen kann. Bo zieht die Augenbrauen hoch und guckt mich ein wenig strafend an: “Wir haben auch Fußball-Teams in China.”

Auf der Suche nach dem W-Lan

Man kann getrost sagen: Dong Bo ist ein großer Deutschlandfan geworden. Er mag die Landschaften und die Städte, die wir während seines Aufenthalts gesehen haben. Er mag das Bier und das Essen. Und er ist begeistert von den Menschen. Aber eines macht ihn schier wahnsinnig: dass Deutschland in puncto W-Lan noch im Mittelalter steckt.

Zugegeben: Ein wenig bin ich Schuld dran. Im Haus meiner Eltern, wo wir während unseres Düsseldorf-Stopps wohnten, gibt es gar keinen Internetzugang, und bei mir zu Hause in Hamburg funktioniert es zurzeit nicht. Genaugenommen ist zurzeit schon etwas länger. Ich selbst bin technisch gesehen kein Xenonscheinwerfer, der Typ, der meinen Computer eingerichtet hat, bekam das W-Lan in meiner Wohnung auch nicht zum Laufen. Da hab ich mich irgendwann in mein Schicksal ergeben und bin nach wie vor von einem Kabel abhängig.

Doch auch jenseits dieser persönlichen Problematik ist Deutschland im Vergleich zu vielen asiatischen Ländern in Sachen Wifi ein Entwicklungsland. In den vergangenen Jahren habe ich mehrfach Journalisten aus China, Vietnam und Indonesien beim Start eines Austauschprogramms in Deutschland betreut und immer ähnlich betroffene Gesichter gesehen. Sie waren enttäuscht und verstanden es nicht, dass nicht in jedem Park, auf jedem Platz ein Netz zu bekommen ist.

Auch Bo hält immer wieder sein Taschenbuch-großes Smartphone in die Luft und sieht prüfend auf das Display. Sein Laptop klappt er inzwischen schon nur noch auf, wenn ich sage: “Hier gibt es Wifi.”

“Das ist unfassbar”, sagt er immer wieder, wenn wir mal in einem Restaurant sind, das kein W-Lan hat.

Auch das vorhandene Tempo schockiert ihn. In Düsseldorf hat er sich eine Nacht extra wegen des W-Lans in ein Hotel eingemietet. Er musste einen Artikel schreiben und dafür noch etwas im Internet recherchieren. Doch die Verbindung war so langsam, dass er das bald eingestellt hat. Da lobe ich mir mein Kabel: Denn immerhin ist die Verbindung wahrlich zackig.

Fahrradfahrer üben von seinem ersten Tag in Deutschland an eine besondere Faszination auf Dong Bo aus. In München bewegten wir uns für etwa 30 Sekunden auf einem Radweg – und wurden beinahe umgenietet. Da ich selbst leidenschaftlich gern Rad fahre, klärte ich meinen chinesischen Gast umgehend über unseren Fehler bei der Wahl des Gehsteigbereichs auf und achte seither penibelst darauf, ihn nicht noch einmal dieser Gefahr auszusetzen. Das Tempo mancher Radler beeindruckt ihn aber auch vom sicheren Fußgängerbereich aus. “Das ist ja wie auf der deutschen Autobahn.”

Recherche und Sightseeing in Hamburg: Mit dem Rad ans Wasser

Inzwischen hat Bo auch ein Auge für die unterschiedlichsten Formen des Kindertransports per Rad entwickelt: den Anhänger, den man hinten anhängt, gibt es offenbar auch in China. Normale Kindersitze natürlich auch, nur dass die Menschen in Peking sich und ihr Kind eher selten dem Verkehr der Metropole aussetzen. Bos Highlight ist der Wagen, der vorne an einem Fahrrad angebracht ist und aus dem ein Kind sein Winken erwidert.

Die logische Konsequenz aus der ganzen Begeisterung: Wir erkunden Hamburg überwiegend per Rad. Auf Bos ausdrücklichen Wunsch hin machen wir eine Radtour, die uns die Alster entlang, durch die Speicherstadt und die Hafencity zu den Landungsbrücken führt.

“Ich bin ewig kein Rad gefahren”, sagt Bo und besteht darauf, mein altes Unisex-Senioren-Alu-Gefährt zu nehmen. “Das sieht stabil aus.” Das letzte Mal sei er im vergangenen Jahr mit einem Tandem am See Houhai in Peking unterwegs gewesen.

Nachdem es anfänglich ein wenig wackelt, findet er jedoch recht schnell Tritt und hält tapfer mit mir und meinem Tempo mit. “Ich bin schließlich ein Mann”, sagt er auf meine Bemerkung, dass er doch echt zügig fährt.

Wir machen immer wieder Stopp für Fotos, einen Kaffee, ein Eis, nehmen die Fähre bis nach Övelgönne. Als wir dann nach Hause radeln, treten wir ordentlich in die Pedale. Auf mehreres Nachfragen sagt Bo, alles sei Okay, doch als wir vor meinem Haus ankommen, sehe ich Schweißperlen auf seiner Stirn. Vielleicht hätte ich doch ein wenig mehr Rücksicht nehmen sollen mit meinem sportlichen Citybike? Doch Bo zerstreut meine Bedenken: “Das… war … ein… großartiger… Tag…”, lobt er. Unterbrochen von einigen Schnaufern.

Meine China-Erfahrung beginnt im Rheinland. Ein paar Tage, bevor ich tatsächlich meine Füße auf chinesischen Boden setzen werde. In einem China-Restaurant in Düsseldorf. Bo hat einen Freund, der seit mehr als zehn Jahren hier lebt und uns nach dem in ihrer gemeinsamen Heimat üblichen Brauch zum Essen einladen möchte. Der für diesen Zweck ausgewählte China Star serviert den beiden zufolge absolut authentisches Essen.

Im rheinischen China-Restaurant: “Das ist der leckerste Brokkoli”

“Da riecht und schmeckt das Essen so wie in den Restaurants zu Hause”, versichert Bo, der bereits am Vortag mit seinem Freund dort war und noch mehr als sonst strahlt, wenn er von dem Buffet schwärmt.

“Und ich weiß, wie gutes Essen sein muss: Mehrere Verwandte haben Restaurants”, legt er nach.

Er deutet meinen Blick richtig. Ich zögere. Nicht weil ich ihm oder seinem Freund die Kompetenz abspräche, ein gutes China-Restaurant zu erkennen. Mir widerstrebt der Gedanke, dass mein Gast von seinen nur neun Abenden in Deutschland, dann bereits zwei ohne die Gelegenheit verbracht hätte, das gesamte Spektrum unserer Küche zu erfahren. Schließlich will ich ihm doch immer noch zeigen, was wir jenseits von Brauereien und Biergärten kulinarisch zu bieten haben. Doch meine Neugier auf ein vorgezogenes Asien-Erlebnis siegt.

So betreten wir wenige Stunden später den chinesischen Stern. Alles ist so, wie es nach meinen Vorstellungen in einem China-Restaurant zu sein hat. In Nischen stehen Drachen aus grell angepinseltem Porzellan, grüne Neonröhren strahlen von unten die weißen Orchideen auf den Fensterbänken an, auf den Tischen stehen kleine Halterungen für die Essstäbchen. Und sogar ein Aquarium ist da.

Der berühmte Bo

Bo und sein Freund schütteln diverse Hände, winken nach rechts, grüßen nach links. Die Hälfte der anwesenden Gäste sind Chinesen, und alle scheinen meine Begleiter zu kennen. Doch chinesische Höflichkeit bedeutet ja, auch den Bekannten eines Bekannten so zu grüßen, als wäre man selber mit demjenigen zur Grundschule gegangen. So hat Bo auch schon den Türsteher einer Kneipe, den einer meiner Freunde aus dem Fitness-Studio kennt und mit Handschlag begrüßte, innigst umarmt .

Meine kundigen Begleiter im China Star erklären mir, wie das System mit den Wäscheklammern und der Tischnummer funktioniert und wir stürmen das Buffet. Das Angebot ist riesig, die Hauptgerichte allein füllen rund 30 Schüsseln. Hinzu kommen mehrere Platten mit Sushi und ein breites Nachtisch-Angebot, das allerdings eher deutsch anmutet, mit Schokotörtchen und Eis. Die Vor- und Hauptspeisen umfassen Basics wie gebratene Nudeln und Reis, Klassiker wie Rind mit Zwiebeln und frittierte Shrimps – und eine Vielzahl an rohem Fleisch, Fisch und Meeresfrüchten.

Davon kann man sich beliebig viel nehmen, wenn man zwei Wäscheklammern bei einem Koch abgibt. Auf der hölzernen Wäscheklammer steht die Tischnummer, Plastikklammern in vier verschiedenen Farben verraten, welche Sauce man zu seinem Grillgut möchte. Der nette junge Mann mit der Kochmütze bereitet alles wie gewünscht vor. So wie deutsche Hotels ihr Frühstücksbuffet mit einer Kochstelle für Eierspeisen aufpimpen, wird hier Fisch und Fleisch zubereitet.

Wir schlemmen uns durch mehrere Gänge, meine Begleiter feilen an meinen rudimentären Chinesisch-Floskeln, treiben meine Zähl-Kompetenz voran und erklären mir den Unterschied zwischen einem einfachen Prost und einem Prost, das ein komplettes Austrinken des Glases nach sich zieht.

Plötzlich kommt ein anderer Gast an unseren Tisch, hält Bo und seinem Freund ein Smartphone hin und redet in rasantem Chinesisch auf die beiden ein. Bo antwortet ebenso rasant. “Sein Sohn hat mich erkannt”, verkündet Bo stolz. Der Teenager hat unseren Blog auf SPIEGEL ONLINE gelesen, sich aber nicht selbst getraut nachzufragen und seinen Vater vorgeschickt.

“Ich vermisse chinesisches Essen”

Dieses kleine Intermezzo lässt uns auf Leserreaktionen zu sprechen kommen, auf die Frage, ob man sagen darf, dass man Deutschland liebt, und auf den hierzulande vorsichtigen Umgang mit dem Wort Stolz aufgrund unserer Historie. Bos Freund, dessen Tochter in Düsseldorf aufgewachsen ist und zur Schule geht, versteht immer besser, warum die deutschen Mitschüler sich mit Patriotismus zurückhalten.

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Als wir das Restaurant verlassen, frage ich Bo, warum er nicht lieber ein deutsches Lokal kennengelernt hätte, sondern zum zweiten Mal in den Stern wollte. “Ich vermisse chinesisches Essen”, antwortet er. Ein Gedanke, den ich durchaus nachvollziehen kann, auch wenn ich nicht so schnell damit gerechnet hatte.

“Und hier gibt es den leckersten Brokkoli, den ich in Deutschland gegessen habe”, fügt Bo hinzu – und lässt mich völlig irritiert zurück. Hat er doch bisher in keinem von uns besuchten Lokal Gemüse eine Chance gegeben, sondern sich auf Fleisch konzentriert. Aber bei genauem Nachdenken muss ich zugeben: Ich habe auf keiner meiner Reisen und von keinem Besucher jemals gehört, dass wir in der Welt für Möhren, Erbsen oder Mangold bekannt sind.

9. November 2012, Düsseldorf

Starbucks ist eine Einrichtung, die ich eigentlich meide – erst recht, wenn ich Gäste aus dem Ausland zu Besuch habe. Ein Laden gleicht dem anderen wie die berühmten Eier, der Kaffee schmeckt überall auf der Welt gleich, die Tassen haben auch enormen Wiedererkennungseffekt. Man bewegt sich in einer Art Disney World für hippe Koffein-Junkies, statt den besonderen Flair landestypischer Cafés oder Restaurants zu erfahren. Da wir an diesem Morgen jedoch dringend W-Lan brauchen und sich auch in diesem Punkt der Standard der Kaffeekette weltweit gleicht, haben wir uns in einem der Läden zwei Cappuccino geholt und unsere Laptops aufgeklappt. Und entgegen aller Erwartungen wird uns etwas geboten, was Bo unbedingt im Blog festgehalten wissen möchte.

Industriekultur im Ruhrpott: “Das ist original?”

Ein Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin kommen auf einmal mit einer Kehrschaufel mit langem Stil und mit einem Besen auf uns zu. Eher mit Gesten als mit erläuternden Worten fordern sie uns auf, aus unseren gemütlichen Sesseln aufzustehen und zur Seite zu treten. ‘Müssen die unbedingt jetzt in dieser Ecke putzen? Und könnte das nicht freundlicher geschehen?’, frage ich mich, stehe aber auf.

“Da muss eine Taube unter den Stühlen sein”, erläutert der Café-Mitarbeiter nun.

“Eine was?” Ich denke, ich habe nicht richtig gehört.

Er wiederholt die Antwort, ich übersetze, und Bo guckt nun genauso überrascht wie ich zuvor. In diesem Moment watschelt eine graue Taube zwischen den auseinandergeschobenen Sesseln hervor, bahnt sich schnellen Schrittes einen Weg zwischen Besen und Kehrblech und sucht schließlich ihr Heil in der Luft. Zwischen den Köpfen der eintretenden Gäste schießt sie nach draußen.

Bo kann es nicht fassen.

“Wir sind hier in einem Bahnhof. Und dann noch in einem Café in dem Bahnhof. Und hier kommt eine Taube rein?”

Diesmal ist es an mir, gottergeben die Schultern zu heben und fallen zu lassen. So wie für ihn ein Stau in der Innenstadt zur Normalität gehört, habe ich mich wohl oder übel an Tauben gewöhnt. Schließlich bin ich in der Nähe eines Platzes aufgewachsen, der – so weit ich zurückdenken kann – fest in der Hand der Tiere und der sie fütternden alten Frauen gewesen ist. Als ich Bo erzähle, dass mir in einem Hamburger Kino schon mal eine recht große Maus (Vielleicht sogar eine kleine Ratte?) über die Füße gelaufen ist, erschüttert ihn das nicht weiter. Aber die Taube beschäftigt ihn.

Gerade hat er sich wieder seinen E-Mails zugewandt, da kommt schon wieder ein Tier angeschossen. Auf dem Luftweg und direkt auf Bos Kopf zu. Ich frage mich, ob direkt unter unseren Stühlen jemand seinen Muffin entsorgt hat. Oder ob die Taube hier ein Nest bauen will. Doch sie macht ohne zu landen kehrt und fliegt wieder durch die Tür in die Wandelhalle.

In Bo ist der Journalisteninstinkt geweckt. Er geht zu den Mitarbeitern und will Näheres wissen. Ja, es gebe öfter Tauben hier drin, antwortet die junge Frau, die eben noch die Kehrschaufel gehalten hatte. Nein, ob das immer dasselbe Tier sei, wisse sie nicht. Bo stellt noch einige weitere Fragen und kommt dann zufrieden grinsend zurück. Er präsentiert mir ein Fazit, das mich begreifen lässt, dass meine Schilderung der Taubenplage in deutschen Großstädten anhand von weiß-grau-beige-gefleckten Skulpturen an der Außenseite einer Düsseldorfer Kirche offenbar auf offene Ohren gestoßen ist: “Jemand sollte der Taube mal sagen, dass das hier ein Café ist – und keine Kirche”, sagt Bo mit dem ihm eigenen Grinsen.

9. November 2012, Ruhrgebiet

Kernthema unserer Recherchereise ist nachhaltiges Bauen. Es geht unter anderem um Fragen wie:

Und vor allem, und da bohrt besonders der im Bereich Finanzen der “Global Times” arbeitende Bo nach: Wer zahlt das?

Für unsere Interviews habe ich ein breites Spektrum an Gesprächspartnern und Ortsterminen ausgesucht. Wir besuchen die Zeche Zollverein in Essen, den Innenhafen von Duisburg und die Siedlung Eisenheim in Oberhausen, waren schon im Münchener Olympiadorf und werden die iba in Hamburg sehen. Wir sprechen mit Stiftungen und Entwicklungsgesellschaften, einem Stadtplanungsanalytiker und einem Architekten. Wir befragen Menschen zu ihrem Leben.

Doch die Interviews werden zu einer besonderen Herausforderung – denn in Sachen Bauen, Investieren und Leben kommen Bo und ich aus zwei verschiedenen Welten. Und da ich noch nie in China war, ist es bei den Übersetzungen und Hilfestellungen manchmal etwas schwierig, herauszufinden, an welcher Stelle ich meinen Kollegen mit Erklärungen abholen kann.

Erste Station ist das Welterbe Zollverein in Essen, und es dauert eine Weile, bis unsere Gesprächspartner und ich Bo klarmachen können, dass große Teile der Gebäude original sind. Und dass die ehemalige Zeche samt Kohlenwäsche und Kokerei erhalten wird, um die Kultur der Industrialisierung und so auch die Geschichte des Ruhrgebiets plastisch zu vermitteln.

“Das ist original?”

“Das ist original?” fragt Bo und legt seine Hand auf einen der roten Backsteine der Mauer. Fragt er, als wir eine alte Treppe runtergehen. Fragt er beim Anblick der Kohlewagen, die in einem der Fördertürme steht. Der Knoten platzt, als wir in der ehemaligen Kohlenwäscherei stehen, mitten in einer riesigen Halle, um uns herum die alten Loren, in denen noch Kohle liegt, und auf Knopfdruck mit Licht, Sound und Rüttelmechanismen in Ansätzen das Gefühl vermittelt wird, das ein Arbeiter an dieser Position gehabt haben muss.

Die Ansätze, in den alten Industriegebäuden Unternehmen der neuen Zeit, also vor allem kreative Unternehmer wie Designer oder Werber, unterzubringen, kann er schnell nachvollziehen. Das Schlagwort “neue Seele in alten Gebäuden” bleibt Bo im Kopf.

Schwerer tun meine Gesprächspartner und ich uns bei seinen Fragen nach der Expansion. Ob sich das Gelände in angrenzende Wohngebiete ausdehnen wird? Wie man sonst expandieren kann, wenn man die Häuser nicht abreißen oder übernehmen wolle? Dass Expansion überhaupt nicht vorgesehen ist, sondern es um eine nachhaltige Nutzung des bestehenden Geländes geht und diese Frage schon völlig ausreicht, sickert erst langsam in sein Bewusstsein.

Auch beim anschließenden Besuch der inzwischen unter Denkmalschutz stehenden Arbeitersiedlung Eisenheim in Oberhausen dreht sich vieles um die Frage: Warum nicht einfach abreißen? Und dann ein modernes und viel größeres Haus auf das Grundstück stellen? Schnell entspinnt sich eine Diskussion über Sinn und Unsinn von Hochhäusern für Menschen, Zuzugsregelungen für Megametropolen oder die Selbstregulierung des Marktes bei der Höhe der Mieten.

Bei all dem zeigt sich: In einem Land mit gut 1,3 Milliarden Menschen sieht man sich anderen Herausforderungen gegenüber als wir hier in Deutschland. Und ich bin schon sehr gespannt, wie schwer es für mich wird, manche Antworten meiner Gesprächspartner in China nachzuvollziehen.

8. November 2012, auf der Autobahn

Als leidenschaftliche Weltenbummlerin schrecken mich weite Entfernungen nicht. Ich kann locker 13 Stunden im Flugzeug verbringen oder mal acht Stunden im Auto. Aber mir ist wichtig, dass Reisezeit und Aufenthaltszeit in einem gewissen Verhältnis stehen, dass es nicht eine einzige Hetzerei ist und ich mich einfach mal treiben lassen kann. Diese Haltung mit den beruflichen und touristischen Wünschen eines Chinesen unter einen Hut zu bringen, der über Deutschlands Größe nur lächeln kann und dessen Landsleute drei europäische Länder in einer Woche besuchen, ist eine Herausforderung.

Deutsch-Chinesischer Austausch: “Schlafen kann ich auch in China”

Mein Austauschjournalist Dong Bo hat seine Recherchepläne für Deutschland nach rein inhaltlichen Gesichtspunkten gemacht und sich Interviews in München, Ingolstadt, Rheinhessen, dem Ruhrgebiet und Hamburg gewünscht. Für das Ganze haben wir sechs Wochentage Zeit, hinzukommen anderthalb Wochenenden für Sightseeing und Shoppen, Fußball und Feiern. Zwischendurch sollen wir ja auch noch Texte schreiben.

Da ich Bo bei seinen Recherchen unterstützen möchte, habe ich mich bisher für seine Wünsche offen gezeigt. An einem Tag bin ich von Hamburg nach München gefahren, um ihn am Flughafen abzuholen, nun durchquere ich Deutschland von Südosten nach Westen, um auf dem Weg von München ins Ruhrgebiet einen Zwischenstopp bei Worms, genaugenommen auf einem Weingut in Oppenheim, Rheinhessen, zu machen. Nicht ganz Fluglinie zu unserem Zielort Düsseldorf und auch im Navi nicht als kürzeste Route im Angebot, aber was soll’s.

“Great Roadtrip”, jubelt Bo immer wieder, hält den rechten Daumen hoch, macht Fotos und quetscht mich über Deutschlands geografische Unterschiede aus. Zwiebeltürmchen und spitze Kirchtürme. Braunweiße und schwarzweiße Kühe. Städte und Dörfer. Die Schwäbische Alb führt uns zu einem Exkurs über die Lüneburger Heide und deutsche Küsten. Auch das für Ausländer so faszinierende Thema Autobahn erörtern wir natürlich. In achteinhalb Stunden bekommt man schon was unter.

Zwischendurch erledigt Bo das eine oder andere Telefonat, spricht mit einigen Bekannten, die er in Deutschland sehen möchte, Termine ab.

“Oh. Kein Problem. Dann komme ich dich eben am Wochenende besuchen.”

Als ich Bo das sagen hören, schnellt mein Kopf in Richtung Beifahrersitz. Ich weiß, dass er gerade einen Bekannten am Handy hat, der in Aachen lebt. Und ich weiß, dass wir am Wochenende in Hamburg sein werden. Und ein Blick auf den Kilometerzähler zeigt mir, dass wir auf unserem Weg nach Düsseldorf gerade mal 174 Kilometer weit gekommen sind – weitere 471 Kilometer und ein rund zweistündiges Interview liegen noch vor mir und meinem zwölf Jahre alten Kleinstwagen. Bos ursprüngliche Idee, abends noch mit Freunden in Düsseldorf essen zu gehen, habe ich ihm zum Glück schon ausgeredet.

“Schlafen kann ich auch in China”

Bei unserem nächsten Tankstopp schlage ich in meinem Straßenatlas die Übersichtskarte von Deutschland auf und zeige Bo München, Worms und Düsseldorf, Aachen und Hamburg. Ich bin überzeugt, die Karte spricht für sich.

Bo sieht mich an, zuckt die Schultern und sagt: “Das ist doch nicht weit.”

“Das sind fünf Stunden Fahrt, bei Verkehr noch mehr”, entgegne ich – sicher, dass nun die Diskussion über einen Besuch in Aachen für ein Abendessen beendet ist.

“Meine Freunde und ich fahren am Wochenende oft zwölf Stunden, um irgendwo einen oder zwei Tage zu verbringen”, entgegnet Bo und erzählt mir noch einmal, dass er ja schon für eine Strecke zur Arbeit mindestens eine Stunde im Auto sitzt. Und da hat er ja gerade erst mal den Stadtteil in Peking gewechselt.

Ich versuche, mit der begrenzten Zeit eines Tages zu argumentieren.

“Schlafen kann ich auch in China”, antwortet mein Gast, zeigt sich aber mehr als bereit, auf das von mir benötigte Schlafpensum einzugehen.

Kleinkariert. Kleinlich. Kleingeist. Kleinstaat. Mir schießen nur negativ geprägte Begriffe durch den Kopf, wenn ich meine Haltung zu seinen Reiseplänen überdenke, doch ich kann mir nicht helfen. Vielleicht sehe ich das nach meiner ersten China-Reise anders.

4. November, Ankunft, München

Bratwürste, Haxe, Weißbier: Wer mit einem Gast eine Deutschlandreise in München, genau genommen in einem Biergarten startet, muss sich eigentlich nicht wundern. Auch nicht über die dort gespielte Musik. Die hohe Kunst ist, die verschiedenen Facetten deutscher Ess- und Feierkultur zu vermitteln.

Beginn eines Journalistenaustauschs: “Ich liebe Deutschland”

“Ich probiere alles!” Das ist doch schon mal eine gute Einstellung für den ersten Aufenthalt in einem bisher fremden Land. Und so greift Dong Bo, der sich in westlichen Kreisen Jack nennt, bei seinem ersten deutschen Familienfrühstück auch gleich beherzt zu. Trotz der ausführlichen Erklärungen, welche Bestandteile in dem kümmel- und camembertlastigen Obatzda stecken und um was es sich bei Nutella handelt, landen die Aufstriche fast gleichzeitig auf Bos Rosinenmürbchen und dann in seinem Magen. Der hoffentlich etwas vertragen kann. “Das riecht großartig”, sagt Bo und meint die Wurstplatte. Klar, Schinken muss er auch probieren, da hat er schon so viel von gehört.

Bo ist seit einer Stunde in Deutschland, mit etwas Verspätung aus Peking in München gelandet. Freunde von mir haben uns zum Frühstück in ihrer Wohnung eingeladen. Der Tisch gibt alles her, was die einheimische Küche zu bieten hat, und schnell geht es thematisch nicht mehr nur um urdeutsches Essen.

“Wir bräuchten eine Drei-Kind-Politik”

Die anderthalbjährige Tochter Johanna wirft bei Bo die Frage auf, ob wir in Deutschland auch eine Ein-Kind-Politik haben. “Wir bräuchten eine Drei-Kind-Politik”, antwortet mein Freund schmunzelnd, und schon sind wir in tiefen Erörterungen darüber, was es in Deutschland bräuchte, damit die Menschen wieder mehr Kinder bekämen.

Schnell geht es um lange Ausbildungszeiten, befristete Verträge für junge Akademiker, Betreuungsmöglichkeiten, die Entfremdung von Familien, explodierende Mieten in Großstädten. “Sieh meine Welt mit meinen Augen” heißt der Untertitel des Austauschprogramms “Discovery Tour”, mit dem Bo und ich unterwegs sind, und das als Ziele angibt “miteinander lachen, voneinander lernen und gemeinsam nach Lösungen für die Zukunft suchen”. Bo hat noch nicht seinen Koffer geöffnet, da sind wir schon mittendrin.

Alles probieren. Dieser zunächst so wohlklingende Ansatz macht mir am Nachmittag zugegebenermaßen ein wenig Sorgen. Der bei Sonnenschein obligatorische Besuch im Englischen Garten muss natürlich mit einem Besuch im Biergarten abgerundet werden. Und mit seinem mitnichten von einem Jetlag begrenzten Elan greift Bo zwei der Halbliterkrüge mit Bier – ein Helles und ein Weizen – und stürmt an die Essenstheke.

“Was möchtest du denn essen”, frage ich, all die Klassiker der bayerischen Küche sind versammelt.

“Eine Wurst. Und ein Huhn und dieses da”, sagt Bo und zeigt auf ein Fleischpflanzerl.

“Alles?”

“Ich habe Hunger. Und ich liebe Fleisch”, sagt Bo, der die fleischlastige Küche Nordchinas und der Mongolei gewohnt ist. Er lässt sich nicht davon abbringen, eine Thüringer Rostbratwurst und eine der roten Rindswürste zu den Bratkartoffeln und der Haxe zu ordern. Wenigstens das halbe Hähnchen kann ich ihm ausreden. Sein Angebot, dass wir ja alles teilen können, lockt mich wenig. Ich bin Vegetarierin.

Stereotype, Klischees und Vorurteile im Englischen Garten

Das Publikum im Englischen Garten gibt alles, um die Menschen in Deutschland zu repräsentieren. Stereotype, Klischees und Vorurteile inbegriffen. Eine ältere Frau in einem pinkfarbenen, offensichtlich sehr teuren Mantel führt ihren Dackel aus. Ein jüngerer Mann im Polohemd mit hochgestelltem Kragen und Rolex seine blondierte Frau.

Ein älterer Mann in Lederhose zeigt einen der Bierbäuche, deren legendärer Ruf bis nach China geeilt ist. Und die Blaskapelle tut das ihre. Das Spektrum reicht von “Ein Stern, der deinen Namen trägt” bis hin zu “Ein Prosit der Gemütlichkeit”, was eine Exkursion über deutsche Feste nach sich zieht. Als die Melodie vom Après-ski-Hit “Cowboy und Indianer” – auch bekannt als “Hol das Lasso raus” – erklingt und einige Biergartenbesucher sogar den Lassotanz andeuten, hebt Bo seinen Bierkrug, prostet mir zu und sagt: “Ich liebe Deutschland. Das Bier. Das Essen. Die Musik.” Ich mache mir ernsthafte Sorgen. Habe ich den Schwerpunkt am ersten Tag wirklich richtig gelegt? Ich möchte ungern meinen chinesischen Gast mit einem Haufen Klischees nach Hause reisen lassen.

Trotzdem belasse ich es bei der Abendplanung: Wir treffen Freunde – in einem Brauhaus. Das erweitert Bos kulinarische Kenntnisse um Knödel, Spätzle, Reibekuchen, Krautsalat und Schweinebraten. Aber ich weigere mich, ihm – trotz Schwärmerei der Bedienung und Drängen eines Freundes – die Spezialität des Tages zu bestellen: Rinderhoden gegrillt auf Weißbierschaumsoße mit Buttergemüse und Kräuterkartoffeln.

Als wir das Brauhaus verlassen, kommen wir an einem Kellergewölbe vorbei, aus dem Musik klingt, die nichts mit den Klängen vom Nachmittag zu tun hat. “Heute Live-Jazz” steht auf einer schwarzen Tafel vor der Bar. Wir gehen hinein und belegen einen Tisch in der Nähe der Band. Das Trio bietet optisch eine Mischung aus Ashton Kutcher und Justin Timberlake, der Typ am Kontrabass trägt Ray-Ban-Brille und Strickmütze. Beides auch in China sehr hip. Die Musik ist exzellent, der Laden füllt sich mit jungen Leuten, die Wein oder Hugo trinken, ein übersichtliches Zanderfilet auf einem noch übersichtlicheren Klecks Champagnerpüree essen und ganz sicher kein Lasso rausholen.

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“Ich liebe Deutschland!” sagt Bo mit erhobenem Glas. “Die Musik ist super. Die Leute sind nett. Und ich hatte einen tollen Tag.” Jetzt bin ich sicher, dass es gelingen wird, Bo in den zehn Tagen, in denen wir bis nach Hamburg reisen werden, ein facettenreiches Bild von Deutschland zu vermitteln.

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